Caleuche ist ein Geisterschiff aus einer Legende, die von der Insel Chiloé, aus dem Süden Chiles, stammt. Nachts taucht es mit seinen blendend weißen Segeln aus dem Nichts auf, um dann plötzlich wieder zu verschwinden und seine Fahrt unter Wasser fortzusetzen. Sein Erschaffer ist Millalobo, der halb Mensch und halb Seelöwe ist. Er ist Gebieter über die Unterwasserwelt und Hüter der Seelen der auf See verstorbenen Schiffbrüchigen, die als Besetzung seines Schiffes weiterleben.

Die Arbeit ist eine interaktive Installation. Sie besteht neben den Performern, die Figuren der Legende darstellen, aus einer großen Projektionswand aus Plastik Blätter, die mithilfe des traditionellen chilenischen Mapuche Webstuhls gewoben wurde. Die Kleidungsstücke sind aus demselben Material gefertigt, das die Künstlerin direkt aus Chile bezieht. Es handelt sich hierbei um ein hoch verschmutzendes Verpackungsmaterial aus Kunststoff, welches aus Umwelt Gründen in Europa nicht mehr hergestellt wird. Gleich einem Spiegelbild des schwimmenden Müllteppichs, der den Tod zahlreicher Tierarten im Pazifischen Ozean verursacht, gibt die Projektionswand auf ihrer gekräuselten und transparenten Oberfläche, untermalt von Sopranklängen, die Unterwasserfauna in Form von diffusen Erscheinungen wieder. Die aus mehreren Teilen zusammengenähte Projektionswand verweist auf die weißen Segel des Geisterschiffes. Die Farbpalette der Kostüme suggeriert dagegen eine nostalgische Rückkehr zu einer Vision vom Meer, dessen allgemein vereinfachte Wahrnehmung als Oberfläche und seinem kostbaren pulsierenden Innenleben.

Caleuche ist eine Arbeit, die aus heutiger Perspektive auf die chilenische Geschichte und Mythologie zurückblickt und dabei explizit Bezug auf die dramatische Umweltverschmutzung im Pazifik nimmt. Im Vergleich zu früheren Arbeiten manifestiert sich in dieser Installation der Einfluss des Butoh-Tanzes, den Chau während eines Chile-Aufenthalts als mehrjähriges Mitglied einer Tanzkompanie erlernt hat. Allgemein kann Chau künstlerische Recherche als Konstruktion einer sehr persönlichen Ausdruckssprache gedeutet werden, die analog der Bedeutung, die dem Bühnenkostüm zugeschrieben wird, Butoh-Elemente mit Aspekten der Welt der Akrobatik (wie dem Einsatz von Stelzen) vereint. In Caleuche tritt darüber hinaus eine spirituelle Dimension an der Oberfläche zutage, die auf das gleichzeitige Vorhandensein von Leben und Tod verweist, das der von einem seiner Gründer als „Tanz der Finsternis“ beschriebene Butoh-Tanz zum Ausdruck bringt.1 Die Oberfläche ist weiterhin das Meer, eine dünne Membran, die zwei Reiche voneinander trennt, die aber leicht überschritten werden kann, wenn nachts das Schiff mit den Seelen der Toten aus den Abgründen auftaucht. Die Trennung zwischen Innen- und Außenwelt wird jetzt aufgehoben und Leben und Tod koexistieren.

Text: Alessandra Tempesti


Alle
Allgemein
Installation
Performance

Alma

2018Installation

Noptico

2014Performance, Installation
Einen Moment Bitte.